Gedichte zur Geburt

“Am Anfang war das Wort”. So heißt es zu Beginn des Johannes-Evangeliums im neuen Testament und es gilt als allgemein anerkannt, dass Worte am Anfang eines Schaffensprozesses stehen. Allein die Tradition, ein Kind nach der Geburt mit einem Namen, der alle seine Merkmale, alle Wünsche, welche die Eltern dem Kind mit auf den Weg geben wollen, einfangen soll, auszustatten, zeugt von der tiefen Ehrfurcht, welche wir Wörtern entgegen bringen. Gedichte zur Geburt kommen in diesem Sinne einem Zauberspruch gleich. Die Worte und die literarische Moral des Gedichtes prägen sich den Hörenden ein und werden für das Kind allzu oft Wegweiser auf seinem späteren Lebensweg.
Dabei erleben Gedichte zur Geburt ebenso wie Namen einen allgemeinen Wandel, der sich den Trends und Gepflogenheiten der Zeit anpasst: Waren die Gedichte zur Geburt früher noch eine persönliche, im Familienkreis weiter gegebene Tradition, kann man heute auch im Internet sowohl Anregungen, als auch das komplette Gedichte-Paket von neu geborenen Kindern bestaunen. Hinzu kommt, dass die Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Kulturen von jeher auch Gedichte aus anderen Kulturkreisen in unseren Erlebnishorizont eingebunden hat so dass nun immer öfter junge Paare nach arabischen, russischen, oder französischen Kinder- und Geburtsgedichten suchen. Hier kann man nur auf die aktuelle Fernsehkampagne von GOOGLE verweisen, in der die junge Protagonistin am Ende ein französisches Kinderlied sucht. Vielleicht pünktlich zur Geburt?

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